Tinnitus und Taubheit in Fallgeschichten

Geschrieben von Andreas Kalg am .

Tinnitus, Taubheit und Schwerhörigkeit sind Störungen des Hörvermögens, die in der TCM oft zusammen diskutiert werden. Bei Tinnitus nimmt der Patient subjektiv Geräusche wahr, die als Pfeifen, Piepen, Zirpen, Rauschen, Klopfen oder auf andere Weise beschrieben werden. Oft geht Tinnitus auch mit einer Verminderung des Hörvermögens einher. Daher werden Tinnitus und Taubheit in der chinesischen Medizin meist zusammen aufgeführt. Der Begriff Tinnitus, êr míng 耳鳴, lässt sich wörtlich als „Ohrzwitschern“ oder „Ohrenzirpen“ übersetzen, was darauf hindeutet, dass die subjektiv wahrgenommenen Geräusche die alten Chinesen an den Gesang von Vögeln oder das Zirpen von Zikaden erinnerten. Alle anderen Arten von Geräuschen sind selbstverständlich in diesem Terminus mit inbegriffen.

Der Begriff êr lóng 耳聾 bedeutet schlichtweg „Taubheit“, doch ist damit nicht ausschließlich absolute Taubheit gemeint, sondern verschiedene Grade von Schwerhörigkeit bis hin zur völligen Ertaubung. Tinnitus, Taubheit und Schwerhörigkeit gehen nicht nur symptomatisch miteinander einher, sondern bilden auch ätiologisch eine Einheit, weshalb sie in differentialdiagnostischen Darstellungen meist auch gemeinsam abgehandelt werden. Da der Leser derartige Darstellungen in einschlägigen Lehrbüchern finden kann, möchte ich hier auf eine umfangreiche und detaillierte Musterdifferenzierung des Tinnitus und der Taubheit verzichten. An dieser Stelle möchte ich die in Frage kommenden Muster nur ganz kurz skizzieren, um dann einige Fallbeschreibungen aufzuführen und zu kommentieren.

Zur Einstimmung möchte ich hier einen Merkvers zitieren, der die wichtigsten Muster und Rezepturen zur Behandlung von Tinnitus und Taubheit umfasst. Der Leser möge mir nachsehen, dass ich das Versmaß bei der Übersetzung aus dem Chinesischen nicht einhalten konnte.

Bei Leber- und Gallenblasen-Feuer kann Tinnitus und Taubheit passieren,
Da muss man mit Drachengalle die Leber drainieren. (Long Dan Xie Gan Tang)

Bei Schleim-Feuer-Qi-Stauung hat man bitteren Mundgeschmack und Schmerzen in den Flanken; das Ohrenzirpen ist mal besser und mal schlimmer, Wen Dan Tang hilft dann immer.

Wütet Wind-Hitze oben, gibt man Yin Qiao San, Bei Nieren-Leere-Taubheit Er Long Zuo Ci Wan.

Wenn das klare Qi nicht aufsteigt, soll man Yi Qi Cong Ming Tang benutzen,

Bei Feuchtigkeitsstauung sind Ban Xia und Tian Ma von Nutzen.1

Wie aus diesem Merkvers hervorgeht, kann man die Ursachen von Tinnitus und Taubheit nach Fülle und Leere sowie nach innerlich und äußerlich differenzieren.
Äußerlich kann Wind-Hitze in den Oberen Erwärmer eindringen und die Sinnespforten blockieren. In diesem Fall muss man mittels Yin Qiao San bzw. Abwandlungen dieser Rezeptur die Oberfläche befreien und Wind-Hitze zerstreuen.  Häufiger anzutreffen sind in der klinischen Praxis allerdings die innerlich verursachten Formen des Tinnitus und der Taubheit. Dabei unterscheidet man wiederum zwei Fülle- und zwei Leere-Muster. Die Fülle-Muster bilden Leber- und Gallenblasen-Feuer sowie Schleim-Feuer-Qi-Stauung.

Bei Leber- und Gallenblasen-Feuer mit plötzlichem Krankheitsbeginn und anderen Feuer-Zeichen drainiert man mittels Xie Gan Tang das Feuer. „Long Dan“ bedeutet wörtlich Drachengalle und bezieht sich auf den extrem bitteren Geschmack der chinesischen Enzianwurzel, mit deren Hilfe Feuer aus den Leitbahnen der Leber und der Gallenblase drainiert wird. Bei Schleim-Feuer-Qi-Stauung blockieren Feuchtigkeit- Hitze und Schleim-Feuer die Sinnespforten und den Qi-Fluss. Es kommt zu in seiner Intensität im Tagesverlauf schwankendem Tinnitus beider Ohren oder in schweren Fällen zur einer Ertaubung. Neben dem Tinnitus leiden die Patienten an bitterem Mundgeschmack, Schmerzen in den Flanken, Beklemmungsgefühl in der Brust, reichlich Schleim in den Atemwegen und Druckgefühl oder Schmerz unter den Ohren. Hierbei muss man mittels Wen Dan Tang bzw. Abwandlungen dieser Rezeptur Schleim wandeln, Hitze klären, den Magen harmonisieren und trübes Qi absenken.

An Leere-Mustern gibt es die Erschöpfung der Nieren-Essenz und das Unvermögen des klaren Qi aufzusteigen. Wenn das klare Qi nicht aufzusteigen vermag, liegt dem eine Schwäche des Milz-Qi und des Milz-Yang zugrunde. Das schwache Yang-Qi dringt nicht oder nur unzureichend zu den Sinnespforten vor. Auch hierbei ist ein Schwanken der Intensität des Tinnitus im Tagesverlauf und typischerweise eine Besserung der Beschwerden nach Ruhe zu beobachten. Begleitet wird der Tinnitus von Schwindel, allgemeiner Kraftlosigkeit und anderen Qi-Mangel-Zeichen. Hierbei gilt es, mittels Yi Qi Cong Ming Tang, die eine Abwandlung der Qi-supplementierenden Rezeptur Bu Zhong Yi Qi Tang ist, das Qi zu mehren und das klare Yang-Qi emporzuheben.

Bei der Erschöpfung der Nieren-Essenz liegt zwar eine schwerwiegende Schwäche sowohl des Nieren-Yin als auch des Nieren-Yang vor, doch überwiegt hierbei der Nieren-Yin-Mangel. Dadurch steigt Leere-Feuer auf und bedingt Tinnitus, Schwerhörigkeit oder Taubheit sowie Schwindel, Mund- und Halstrockenheit, Röte der Jochbeinregion und Hitze der Hand- und Fußflächen. Bei Männern kann es in diesem Zusammenhang auch zu Pollutionen kommen. Hierbei muss man mittels Er Long Zuo Ci Wan bzw. Abwandlungen dieser Rezeptur das Nieren-Yin nähren, Leere-Feuer absenken und die Essenz zurückhalten.

Meiner Erfahrung nach bildet die Gruppe der Patienten mit dem letztgenannten Muster der Erschöpfung der Nieren-Essenz die größte Gruppe in der ambulanten Praxis. Aus diesem Grund möchte ich die Behandlung dieses Musters anhand einiger Fallgeschichten illustrieren. Weiterhin möchte ich einen Fall von Taubheit aufgrund von Leber-Fülle-Feuer beschreiben. Zunächst möchte ich einige Fälle aus der chinesischsprachigen TCM-Literatur zitieren und anschließend einen aktuellen Fall aus der Praxis einer meiner Lehrer in China aufführen. Aus den Fallstudien wird auch deutlich hervorgehen, dass die oben beschriebenen, vor allem didaktisch motivierten Musterdifferenzierungen in der Praxis nur bedingt weiterhelfen. Man begegnet stattdessen häufiger komplexen Mischformen dieser Muster und es ist oft nicht einfach, sich für eine einzige Behandlungsstrategie zu entscheiden. Die anschaulichen Fallgeschichten und meine Kommentare dazu sollen dem Leser eine Ergänzung zur schematischen Musterdifferenzierung sein und Nuancen aufzeigen, die man in Lehrbüchern nicht finden kann.

1. Fall:

Herr Zhu, 44 Jahre, Arbeiter, stellt sich am 26.4.1988 vor. Seit neun Tagen leidet er unter andauerndem Tinnitus mit einem tiefen Geräusch. Die Beschwerden begannen im Zusammenhang mit einer verstopften Nase und anderen Anzeichen einer leichten Erkältung. Seitdem schläft er unruhig, träumt viel und wacht morgens sehr zeitig auf. Sein Hals ist trocken, er hat Durst und sein Urin ist dunkelgelb. Der Stuhl ist normal. Die Zunge ist dunkelrot und weist einen etwas fetten gelben Belag auf. Der Puls ist saitenförmig (xian) und schlüpfrig (hua).

Musterdifferenzierung: Yin-Leere und aufloderndes Feuer

Behandlungsprinzip: das Yin nähren, Feuer drainieren, den Geist beruhigen

Rezeptur
sheng di (Radix Rehmanniae Glutinosae)
生 地 15 g
shan yao (Radix Dioscoreae Oppositae) 山 药 10 g
mai men dong (Tuber Ophiopogonis Japonici)
麦 门 冬 10 g
tian dong (Tuber Asparagi Cochinchinensis)
天 冬 10 g
huang bai (Cortex Phellodendri) 黄 柏 10 g
dan pi (Cortex Moutan Radicis)丹 皮 10 g
shan zhi zi (Fructus Gardeniae Jasminoidis)
山 梔 子 10 g
shi chang pu (Rhizoma Acori Graminei)
石 菖 蒲 10 g
yuan zhi (Radix Polygalae) 远 志 6 g
zhi mu (Rhizoma Anemarrhenae Asphodeloides)
知 母 10 g
ci shi (Magnetitum) 磁 石 20 g
huang lian (Rhizoma Coptidis) 黄 连 6 g
dan shen (Radix Salviae Miltiorrhizae) 丹 参 15 g

Nach sechs Päckchen dieser Rezeptur verringerte sich das Ohrengeräusch und der Patient konnte wieder gut schlafen. Daraufhin wurden Rhizoma Acori Graminei (chang pu) und Radix Polygalae Tenuifoliae (yuan zhi) aus der Rezeptur entfernt und stattdessen jeweils 10 g Radix Angelicae Sinensis (dang gui) und Radix Paeoniae Lactiflorae (bai shao) hinzugegeben. Nach sechs weiteren Päckchen war der Tinnitus so gut wie verschwunden.
Daraufhin bekam der Patient die Rezeptur Liu Wei Di Huang Wan in Pillenform für zwei Wochen, wonach der Tinnitus vollends beseitigt war. 2

Kommentar:
Als Leser dieser Fallbeschreibung sind wir in der glücklichen Lage, den Beweis für die Richtigkeit der Diagnose aus der erfolgreichen Therapie ziehen zu können. Doch stünde man diesem Patienten als Behandler gegenüber, fiele es einem sicher nicht ganz leicht, das Muster einer Yin-Leere mit aufloderndem Leere-Feuer zu stellen. Dieses Muster trifft man vor allem bei Menschen höheren Alters an, die Symptome sind stärker von vorwiegender Leere geprägt und der Krankheitsverlauf ist eher chronischer Natur. Doch hier begegnen wir einem Patienten mittleren Alters, der erst seit neun Tagen akut an Tinnitus leidet. Seine Begleitbeschwerden wie schlechte Schlafqualität, Durst und dunkler Urin könnten ebenso gut Ausdruck des Fülle-Musters von Leber- und Gallenblasen-Feuer sein. Auch der saitenförmige und schlüpfrige Puls sowie der gelbe Zungenbelag könnten ebenfalls für Leber- und Gallenblasen-Feuer sprechen. Doch vermutlich hat der Patient kein rotes Gesicht und keine geröteten Augen gehabt und nicht die für Leber-Fülle-Feuer typische Unruhe und Gereiztheit. Auch kann hier das zeitige Aufwachen des Patienten am frühen Morgen als ein essenzielles Kriterium zur Diagnose eines Yin-Mangels angesehen werden, das hier vielleicht den Ausschlag zur Diagnosestellung gegeben hat. Aus der Rezeptur geht schließlich auch hervor, dass der behandelnde Arzt dieses Muster als Mischform einer Yin-Leere und einer Fülle-Hitze verstanden hat. Er oder sie benutzte eine Kombination der Rezepturen Er Long Zuo Ci Wan, welche die Standardrezeptur für den Yin-Leere-Typ ist, und Zhi Bai Di Huang Wan, die im gleichen Sinne das Nieren-Yin supplementiert, aber in stärkerem Maße Leere-Hitze klärt. An der im Vergleich zur Ursprungsrezeptur hohen Dosierung der Hitze-klärenden Drogen Cortex Phellodendri (huang bo), Radix Anemarrhenae Asphodeloidis (zhi mu) und Cortex Moutan Radicis (dan pi) sowie der Hinzunahme der bitter-kalten Drogen Fructus Gardeniae Jasminoides (shan zhi) und Rhizoma Coptidis (huang lian) ist deutlich ersichtlich, dass der Behandler auch einen Fülle-Hitze-Aspekt bei dieser Erkrankung gesehen hat. Da der Behandler den Yin-Mangel als Hauptproblem angesehen hat, ergänzte er die Rezeptur noch um Tuber Ophiopogonis Japonici (mai men dong) und Tuber Asparagi Cochinchinensis (tian dong). Um die Sinnespforten, in diesem Fall die Ohren, zu öffnen und um den aufgewühlten Geist zu beruhigen, wurden Rhizoma Acori Graminei (chang pu) und Radix Polygalae Tenuifoliae (yuan zhi) hinzugefügt. Da insbesondere die warm-scharfe Substanz Rhizoma Acori Graminei (chang pu) bei langfristiger Einnahme das Yin schädigen könnte, wurden diese beiden Drogen nach der Besserung des Tinnitus und der erfolgreichen Beruhigung des Geistes wieder entfernt. Stattdessen wurden Radix Angelicae Sinensis (dang gui) und Radix Paeoniae Lactiflorae (bai shao) hinzugegeben, um das Blut und somit auch das Yin in noch stärkerem Maße zu supplementieren.

Nachdem sich der Zustand auf diese Weise stabilisiert hatte, reichte die weitere Anwendung des Fertigarzneimittels Liu Wei Di Huang Wan für zwei Wochen aus, um den Tinnitus vollends zu beseitigen. Die kurze Behandlungszeit von weniger als einem Monat ist hier erfreulich, aber leider auch nicht gerade typisch für den Nieren-Leere-Typ des Tinnitus. Insbesondere bei älteren und stärker geschwächten Patienten ist meist eine längere Behandlungsdauer nötig und es lässt sich leider nicht immer eine Vollremission erzielen. Bei diesem Patienten dürfte neben seines geringen Alters vor allem auch der frühzeitige Behandlungsbeginn Grund für den Behandlungserfolg gewesen sein.

Der zweite Fall, den ich hier zitieren möchte, berichtet von einem ähnlich guten Behandlungserfolg – und dies sogar bei einem chronischen Krankheitsverlauf:

2. Fall

Herr Wang, 52 Jahre, stellt sich am 21.9.1974 erstmalig vor. Hauptbeschwerde: Tinnitus seit etwa sieben oder acht Jahren. Krankengeschichte: Seit etwa sieben oder acht Jahren leidet der Patient unter Tinnitus, der sich in den letzten drei Jahren noch verschlimmert hat. Bisherige Behandlungsversuche blieben erfolglos. In den letzten fünf Monaten haben sich die Beschwerden weiter verschlimmert. Besonders im Zustand psychischer Anspannung und Erregung, bei Stimmungsschwankungen, bei Wutausbrüchen oder auch bei leichter körperlicher Anstrengung (wie z.B. Rennen nach dem Bus) kommt es zu akuten Tinnitusattacken. Bei diesen Attacken empfindet der Patient Schwindel und ein Spannungsgefühl im Kopf, so als ob sein Gehirn anschwellen würde. Dann muss er sich sofort hinsetzen oder schlafen – nur dadurch lassen sich die Beschwerden lindern. In ganz schlimmen Fällen wirkt er gemäß den Beschreibungen seiner Angehörigen geistesabwesend, seine Augen starren ins Leere und der Ton seiner Stimme verändert sich. Seine Schlafqualität kann man noch als normal bezeichnen; sein Gedächtnis hat sich verschlechtert, der Appetit hat stark nachgelassen und nach dem Essen fühlt er sich gebläht. Der Stuhl ist anfangs hart, dann weich, der Urin gelb.

Zunge: dünner, weißer Belag
Puls: tief (chen) und saitenförmig (xian)

Schulmedizinische Diagnose: nervöser Tinnitus

TCM-Musterdifferenzierung: Qi- und Yin-Leere, aufsteigendes Leber-Yang, Schleim blockiert die Sinnespforten Behandlungsprinzip: das Yin nähren und das Qi mehren, die Leber beruhigen und das Yang absenken, das Blut beleben und Schleim wandeln

Rezeptur:
huang qi (Radix Astragali) 黄 芪 15 g
bei sha shen (Radix Glehniae) 北 沙 参 15 g
wu wei zi (Fructus Schizandrae) 五 味 子 10 g
gan cao (Radix Glycyrrhizae Uralensis) 甘 草 10 g
xuan fu hua (Flos Inulae) 旋 复 花 10 g
dai zhe shi (Haematitum) 代 赭 石 10 g
shi chang pu (Rhizoma Acori Graminei)
石 菖 蒲 10 g
zhen zhu mu (Concha Margaritaferae)
珍 珠 母 30 g
ye jiao teng (Caulis Polygoni multiflori)
夜 交 藤 30 g
ou jie (Nodus Nelumbinis Nuciferae) 藕 节 12 g
xiang fu (Rhizoma Cyperi Rotundi) 香 附 10 g
ju hua (Flos Chrysanthemi Morifolii) 菊 花 10 g
chuan xiong (Radix Chuanxiong) 川 芎 5 g

Behandlungsverlauf:
Nach der Einnahme von 14 Päckchen dieser Rezeptur als Dekokt hatte sich sein Ohrengeräusch verringert. Jedoch hatte er allmorgentlich Gesichtsödeme. Zur ursprünglichen Rezeptur wurden dann noch 12 g stark geröstetes Rhizoma Atractylodis Macrocephalae (jiao zhu) und 12 g Semen Benincasae Hispidae (dong gua zi) hinzugefügt. Von dieser Rezeptur wurden weitere 14 Päckchen eingenommen. Nach insgesamt 28 Päckchen war der Tinnitus beseitigt. Selbst bei emotionalen Aufwallungen oder beim Rennen trat kein Tinnitus mehr auf. Dem Patienten wurde geraten, diese Rezeptur weiter einzunehmen, um den Behandlungserfolg zu stabilisieren.3

Kommentar:
Im Vergleich zum ersten Fall handelt es sich hier in noch stärkerem Maße um ein Leere-Muster. Hier bestand nicht nur ein Yin- sondern auch ein Qi-Mangel, wie insbesondere dadurch zum Ausdruck kommt, dass sich die Beschwerden durch Ruhe und Schlaf bessern. Entsprechend steht die Qi-supplementierende Arznei Radix Astragali Membranacei (huang qi) an erster Stelle dieser Rezeptur. Um Yin, Blut und Nieren-Essenz zu supplementieren, verwendet der Behandler Radix Glehniae (bei sha shen), Fructus Schisandrae Chinensis (wu wei zi) und Caulis Polygoni Multiflori (ye jiao teng). Mittels Flos Inulae (xuan fu hua), Haematitum (dai zhe shi), Flos Chrysanthemi Morifolii (hang ju) und Concha Margaritaferae (zhen zhu mu) wurde die Leber beruhigt und das Yang abgesenkt. Rhizoma Acori Graminei (chang pu) öffnet die Sinnespforten, wandelt Schleim und beruhigt den Geist. Die adstringierenden Drogen Fructus Schisandrae Chinensis (wu wei zi) und Nodus Nelumbinis Nuciferae Rhizomatis (ou jie) stabilisieren die Essenz. Rhizoma Cyperi Rotundi (xiang fu) und Radix Ligustici Wallichii (chuan xiong) schließlich bewegen Qi und Blut und verhindern somit eine Stagnation durch die schwer verdaulichen Yin- und Blut-Tonika. Diese Rezeptur behandelt also einerseits die Manifestation der Erkrankung, den durch aufsteigendes Leber-Yang bedingten Tinnitus, indem sie mehrere absenkende Substanzen enthält, und gleichzeitig auch die Wurzel des Problems, den Mangel an Qi und Yin.

3. Fall
Im Frühjahr des Jahres 1950 stellt sich die 38-jährige Frau Jiang mit Taubheit vor. Sie ist eine ungeduldige, hektische Person, deren Leber-Qi schon konstitutionell in Fülle ist. Eines Tages konnte sie sich nach einem heftigen Streit mit Nachbarn nicht mehr beruhigen und verspürte andauernde Wut in sich. Da ertaubte sie plötzlich aufgrund des blockierten Qi-Flusses. Ihr Hörvermögen verschwand vollständig und die Patientin konnte über lange Zeit hinweg nicht geheilt werden. Ihr Puls war saitenförmig (xian) und kurz (duan); bei stärkerem Drücken erschien er stockend (se).

Diagnose: Leber-Qi-Stagnation

Behandlung: Zuerst wurde Akupunktur an den folgenden Punkten angewendet:

Sj 17 Yifeng, Sj 21 Ermen, Gb 2 Tinghui, Dü 19 Tinggong und Ma 44 Neiting. Während der Akupunkturbehandlung hatte die Patientin das Gefühl, dass sich die Qi- Blockade im Ohr löst und im linken Ohr stellte sich auch das Hörvermögen wieder ein. Das rechte Ohr blieb allerdings blockiert. Daraufhin wurde die folgende Rezeptur verabreicht:

Rezeptur
chai hu (Radix Bupleuri) 菜 胡 10 g
chuan xiong (Radix Chuanxiong)
川 芎 5 g
zhi xiang fu (Rhizoma Cyperi
Rotundi praep.) 制 香 附 10 g
dang gui (Radix Angelicae Sinensis)
当 归 10 g
bai shao (Radix Paeoniae alba)
白 芍 10 g
di gu pi (Cortex Lycii Chinensis)
地 骨 皮 10 g
zhi zi ren (Semen Gardeniae
Jasminoidis) 梔 子 仁 10 g
long dan cao (Radix Gentianae
Longdancao) 龙 胆 草 10 g (in Reiswein gebraten)
mu dan pi (Cortex Moutan Radicis)
牡 丹 皮 10 g
gan cao (Radix Glycyrrhizae
Uralensis) 甘 草 10 g
shi chang pu (Rhizoma Acori
Graminei) 石 菖 蒲 10 g
ci shi (Magnetitum) 磁 石 25 g (pulverisiert,
mit Essig kalziniert)

Von dieser Rezeptur bekam sie drei Päckchen, die sie innerhalb von sechs Tagen als Dekokt einnehmen sollte. Danach wurde ein weiteres Mal akupunktiert. Nach drei weiteren Päckchen dieser Rezeptur war ihr Hörvermögen vollständig wiederhergestellt. Ich gab der Patientin den Rat mit auf den Weg, in Zukunft ruhiger zu bleiben und Wut zu vermeiden. Andernfalls würde ihre Erkrankung erneut ausbrechen und womöglich zu einem bleibenden Hörverlust führen.“4

Kommentar:
Bei diesem Fall handelt es sich um einen akuten Verlust des Gehörsinns bei einer relativ jungen Frau. Aufgrund ihres geringen Alters und der kurzen Krankengeschichte war ihr Yin und ihre Nieren-Essenz noch nicht in größerem Maße angegriffen. Zwar zeigen die Pulsqualitäten kurz (duan) und stockend (se) eine bereits evidente Schwächung von Qi, Blut und Yin an, doch ist der Puls der Patientin hauptsächlich saitenförmig (xian), was im Zusammenhang mit den psychosozialen Charakteristika dieser Frau zur Diagnose einer Leber-Qi-Stagnation führte. Dies ist ein im Vergleich zum Mangel an Yin und Nieren-Essenz eine leichte und schneller reversible Störung. Daher wendete der Arzt hier Akupunktur als Mittel der ersten Wahl an. Um die durch Akupunktur erzielte Besserung auszubauen und zu festigen, gab er ihr noch eine Rezeptur, die vorwiegend das stagnierte Leber-Qi reguliert [Radix Bupleuri (chai hu), Radix Ligustici Wallichii (chuan xiong) und Rhizoma Cyperi Rotundi praeparata (zhi xiang fu)], Leber-Hitze drainiert [Radix Gentianae Longdancao (long dan cao), Semen Gardeniae Jasminoides (zhi zi ren), Cortex Moutan Radicis (dan pi) und Cortex Lycii Radicis (di gu pi)], aufsteigendes Leber-Feuer absenkt [Magnetitum (ci shi fen)], die Sinnespforten öffnet [Rhizoma Acori Graminei (shi chang pu)] und das Blut nährt [Radix Angelicae Sinensis (dang gui) und Radix Paeoniae Lactiflorae (bai shao)].

Betonen möchte ich hier insbesondere die Wichtigkeit der letztgenannten beiden Drogen Radix Angelicae Sinensis (dang gui) und Radix Paeoniae Lactiflorae (bai shao). Während die anderen Substanzen dieser Rezeptur vor allem auf die Manifestation dieser Störung, das in Folge der Stagnation aufsteigende Leber-Feuer, wirken, nähren diese beiden Kräuter das Blut und das Yin der Leber. In der TCM gibt es den Leitsatz, dass die Leber ihrer Funktion nach Yang und ihrer Struktur nach Yin ist. Diesen Grundsatz muss man bei der Behandlung von Leber-Pathologien stets berücksichtigen. Während die Qi regulierenden Substanzen dieser Rezeptur den Yang-Aspekt der Leber berücksichtigen und das ungehinderte und harmonische Aufsteigen des Leber-Qi wieder herstellen, kräftigen Dang gui und Bai shao die strukturelle Basis der Leber; Dang gui nährt das Blut und Bai shao hält das Yin zusammen. Dies ist essenziell für den Behandlungserfolg, da durch alleinige Anwendung Qi-regulierender Kräuter das Yang nur noch ungestümer aufsteigen würde. Auch berücksichtigt die Gabe der Blut und Yin-nährenden Substanzen die sich im Puls bereits andeutende und auch sonst leicht vorhersehbare Tendenz dieser Erkrankung, in einen Yin-Mangel zu münden. Wird die Patientin weiterhin so unruhig und hektisch leben, wird das Stauungsfeuer mit der Zeit ihr Yin aufzehren, was, wie der Behandler anmerkt, zu einem bleibenden Hörverlust führen könnte.

4. Fall

(Ein Fall aus der Praxis meines Lehrers Prof. Xu Xiaodong von der TCM-Universität in Hangzhou, VR
China):

Am 12. 3. 2006 suchte uns die 58-jährige Frau Li wegen eines bereits seit vier Monaten bestehenden Tinnitus des rechten Ohres auf. Die Frau wirkt älter als sie ist, ihre Haare sind grau meliert und trocken, unter den Augen hat sie markante Tränensäcke, ihr Gesicht ist trüb-blass, ihre Lippen sind bläulich, ihre Fingernägel sind spröde und missgestaltet. Sie ist offenbar eine sehr ruhige und geduldige Person. Durch Befragung erheben wir folgende Befunde: Ihre Lenden schmerzen, sie neigt zu Obstipation mit einem Völlegefühl im Bauch. Sie schläft schlecht. Im Allgemeinen schläft sie abends um 21:30 ein, wacht dann aber gegen 1:00 morgens schon wieder auf und kann nicht mehr weiterschlafen. Der Appetit kann noch als gut bezeichnet werden. Sie friert im Allgemeinen nicht. Manchmal steigt ein Gefühl von Hitze, Gereiztheit und Ärger auf. Sie hat hin und wieder Herzklopfen. Sie schwitzt bei körperlicher Anstrengung, nicht aber des Nachts. Oft ist ihr schwindlig und häufig fühlt sie sich erschöpft. Menopause mit 52 Jahren.

Zunge: Zungenkörper eher unauffällig, leicht blass; im hinteren Drittel ein trüber, grauer Belag.

Puls: links dünn (xi) und etwas saitenförmig (xian); rechts sehr dünn (xi) und sehr schwach (ruo), in der Tiefe völlig kraftlos. Auffällig ist, dass der Puls rechts schwächer ist als links.
Diagnose: Leber- und Nieren-Yin-Mangel

Behandlungsprinzip: Leber- und Nieren-Yin supplementieren; das Nieren-Wasser anreichern und es zum Herzen bringen, damit sie wieder besser schlafen kann

Rezeptur
(Eine Kombination aus Er Long Zuo Ci Wan und Tian Wang Bu Xin Dan als Dekokt)

chai hu (Radix Bupleuri) 菜 胡 10 g
ci shi (Magnetitum) 磁 石 30 g
sheng di (Radix Rehmanniae Glutinosae)
生 地 24 g
shu di (Radix Rehmanniae Glutinosae
Conquitae) 熟 地 24 g
shan zhu yu (Fructus Corni Officinalis)
山 茱 萸 12 g
shan yao (Radix Dioscoreae Oppositae) 山 药 12 g
mu dan pi (Cortex Moutan Radicis) 牡 丹 皮 10 g
ze xie (Rhizoma Alismatis) 泽 泻 10 g
fu ling (Sclerotium Poriae Cocos) 茯 苓 10 g
dang gui (Radix Angelicae Sinensis) 当 归 12 g
dan shen (Radix Salviae Miltiorrhizae) 丹 参 30 g
sha shen (Radix Adenophorae seu Glehniae)
沙 参 15 g
tai zi shen (Radix Pseudostellariae Heterophyllae)
太 子 参 15 g
mai men dong (Tuber Ophiopogonis Japonici)
麦 门 冬 12 g
tian dong (Tuber Asparagi Cochinchinensis)
天 冬 12 g
suan zao ren (Semen Zizyphi Spinosae)
酸 枣 仁 12 g
bai zi ren (Semen Biotae Orientalis) 柏 子 仁 12 g
yuan zhi (Radix Polygalae) 远 志 6 g
xuan shen (Radix Scrophulariae Ningpoensis)
玄 参 15 g
wu wei zi (Fructus Schizandrae) 五 味 子 6 g
chao shan zha (Fructus Crategi, trocken
geröstet) 炒 山 楂 10 g
chao mai ya (Fructus Hordei Vulgaris
Germinatus, trocken geröstet) 炒 麦 芽 10 g
xiao hui xiang (Fructus Foeniculi Vulgaris)
小 茴 香 6 g
chao shen qu (Massa Fermentata, trocken
geröstet) 炒 神 曲 10 g
fo shou (Fructus Citri Sarcodactylis) 佛 手 10 g
jue ming zi (Semen Cassiae) 决 明 子 10 g
he shou wu (Radix Polygoni Multiflori
Praeparata) 何 首 烏 30 g
chao lai fu zi (Semen Raphani Sativa,
trocken geröstet) 炒 莱 服 子 15 g


7 Päckchen für eine Woche.

Wiedervorstellung eine Woche später am 26. 3. 06:

Alle Beschwerden haben sich deutlich gebessert. Der Tinnitus ist schwächer geworden. Ihr Gesicht strahlt rosig. Der Appetit ist besser, der Stuhl nicht mehr trocken.

Zunge: ähnlich wie zuvor. Der trübe Belag ist weniger geworden.

Puls: ähnlich wie zuvor

links: Guan-Position saitenförmig (xian) und etwas schlüpfrig; Chi-Position fast fehlend;

rechts: dünn (xi); Chi-Position saitenförmig (xian) auf der mittleren Ebene.

Diagnose: Erschöpfung des Yin

Rezeptur:
wie zuvor, plus:
sheng ma (Rhizoma Cimicifugae) 升 麻 6 g
ge gen (Radix Puerariae) 葛 根 30 g
long gu (Fossilia Ossis Mastodi) 龙 骨 30 g
mu li (Concha Ostreae) 牡 蛎 30 g

Kommentar:
Dies ist ein typischer Fall von Nieren-Essenz-Mangel. Der untere Rücken ist der Ort in dem die Nieren liegen. Bei Nieren-Leere kommt es zu Lendenschmerzen. In den Nieren ist das Ursprungs-Qi gespeichert. Ist dieses erschöpft, fühlt sich der Patient kraftlos und antriebslos. Die ruhige, leise Art dieser Patientin bei blassem Gesicht steht im Gegensatz zur Agitiertheit und Gereiztheit eines Patienten mit Leber-Fülle-Hitze. Die Nieren-Essenz ist auch für Entwicklung, Reife und Alterung verantwortlich. Das vorzeitige Altern dieser Patientin ist ebenfalls Ausdruck der Erschöpfung des Nieren- Jing. Die Ohren sind die Sinnespforte der Niere. Geht die Nieren-Essenz zur Neige, kann es zu Tinnitus, Schwerhörigkeit oder Taubheit kommen. Das Nieren- Yin nährt und befeuchtet das Leber-Blut. Bleibt diese befeuchtende Nährung aus, erschöpft sich das Leber- Blut und das Leber-Yin, wodurch das Leber-Yang und die Wanderseele Hun nicht mehr kontrolliert werden können. Das aufsteigende Leber-Yang bedingt seinerseits Tinnitus, Schwindel, Schlaflosigkeit und ein Gefühl von aufsteigendem Ärger. Der Leber-Blut-Mangel ist bei dieser Patientin auch deutlich an den Fingernägeln abzulesen. Außerdem zeigt sich der Blut- und Yin-Mangel am sehr dünnen und schwachen Puls. Der bereits generalisierte Blut-Mangel bedingt auch trockenen Stuhl, da der Darm nicht genügend befeuchtet wird. Am Herz wirkt sich der Blut-Mangel als Herzklopfen aus.

Wie im Behandlungsprinzip formuliert, muss man hier das Leber- und Nieren-Yin supplementieren, wobei der Schwerpunkt auf der Anreicherung des Nieren- Wassers liegt. Nieren-Wasser ist hier als Yin-Aspekt der Nieren zu verstehen. Ist das Nieren-Yin wieder ausreichend, kann es Leber und Herz befeuchten und nähren. Damit wird die Wurzel dieser Erkrankung behandelt. Liu Wei Di Huang Wan bildet die Basis der hier verwendeten Tinnitus-Rezeptur Er Long Zuo Ci Wan. Hierdurch wird die Nieren-Essenz supplementiert und Leere-Hitze drainiert. Von Er Long Zuo Ci Wan gibt es verschiedene Variationen. Dr. Xu hat hier die Variante mit Magnetitum (ci shi) und Radix Bupleuri (chai hu) verwendet. Magnetitum (ci shi) senkt das aufsteigende Feuer ab, gleichgültig, ob Fülle- oder Leere-Feuer, und ist somit ein Hauptmittel in der Behandlung des Tinnitus. Radix Bupleuri (chai hu) neigt zwar dazu, das Yin zu plündern, und ist an sich bei Schwindel kontraindiziert. Doch wirkt es hier als Botenkraut, welches die nährende Wirkung der Rezeptur nach oben zu den Ohren führt. Dies ist zum einen seiner aufsteigenden Wirkung zu verdanken, zum anderen seines Tropismus zu den Leitbahnen der Leber, der Gallenblase und des San Jiao. Über diese Leitbahnen gelangt das pathologische Feuer zu den Ohren und über diese Leitbahnen muss es auch therapiert werden. In Verbindung mit Yin-supplementierenden Drogen ist die Verwendung von Radix Bupleuri (chai hu) weitgehend unbedenklich. Während also die Basisrezeptur Liu Wei Di Huang Wan die Wurzel der Erkrankung behandelt, behandeln die letzteren beiden Drogen die Manifestationen. Nur wenn man beides gleichzeitig berücksichtigt, wird man die Beschwerden schnell und effektiv lindern können. Die bei der zweiten Vorstellung hinzugefügten Drogen Rhizoma Cimicifugae (sheng ma) und Radix Puerariae (ge gen) wirken ähnlich wie Radix Bupleuri (chai hu) als Botenkraut und bringen das klare Qi nach oben. Os Draconis (long gu) und Concha Ostreae (mu li) verstärken die absenkende Wirkung von Magnetitum (ci shi) und sind als gleichsinnige Erweiterung der Ursprungsrezeptur zu verstehen.

Die andere Hälfte der Rezeptur, Tian Wang Bu Xin Dan, die mit ihrer Herrscherarznei Radix Rehmanniae Glutinosae (sheng di) bereits eine wesentliche Überschneidung mit der ersten Teilrezeptur aufweist, nährt in noch stärkerem Maße das Yin, wobei sie sich nicht nur auf den Unteren Erwärmer beschränkt, sondern auch auf den Mittleren und Oberen Erwärmer wirkt. Insbesondere wird so die Kommunikation zwischen Niere und Herz wiederhergestellt, was den Schlaf fördert, der wiederum die Voraussetzung für die Regeneration des Yin ist.

Dass sich der Appetit der Patientin durch die hochdosierte Gabe kühler und klebriger Yin-Tonika nicht verschlechtert, sondern sogar verbessert hat, spricht für ein noch gutes Magen-Qi der Patientin, was als gutes prognostisches Zeichen aufgefasst werden kann. Außerdem wird die Aufnahme dieser an sich schwer verdaulichen Substanzen durch die vier Substanzen Fructus Crataegi (chao shan zha), Fructus Hordei Germinatus (chao mai ya), Massa Fermentata (chao shen qu) und Semen Raphani (chao lai fu zi) gefördert.

Fructus Foeniculi Vulgaris (xiao hui xiang) und Fructus Citri Sarcodactylis (fo shou) bewegen das Qi und verhindern Stagnation. Sie sind hier insbesondere nötig, da die Patientin an sich schon unter Obstipation mit einem Völlegefühl im Bauch litt. Semen Cassiae (jue ming zi) und Radix Polygoni Multiflori (he shou wu) zielen auf die Befeuchtung des Darms und die Behandlung der Obstipation ab.

Mit diesem umfassenden Ansatz konnten der Tinnitus und alle Begleitbeschwerden rasch gelindert werden. Für eine abschließende Betrachtung dieses Falles ist es noch zu früh, da die Behandlung zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen ist.

Abschließend möchte ich noch eine Anmerkung zur Dosierung machen. Im heutigen China wird bekanntlich sehr hoch dosiert. Die Ärzte begründen dies vor allem mit der nachlassenden Qualität der Arzneikräuter durch den Massenanbau. Im Ausland sind wir jedoch in der glücklichen Lage, Kräuter höherer Qualität zu bekommen, da die besseren Substanzen üblicherweise exportiert werden und die schlechteren im Lande verbleiben. So kann man in Deutschland also auch gut und gerne mit zwei Dritteln oder gar der Hälfte der hier angegebenen Dosis gute Erfolge erzielen und muss den Patienten nicht über Gebühr finanziell belasten.


Anmerkungen
1. Cheng Shao’en: Neike Zhengzhi Xinfa, S. 245. Frei übersetzt von Andreas
Kalg
2. Wang Xinhua: Zhongyi Lidai Yian Jingxuan, S. 1112
3. Wang Xinhua: Zhongyi Lidai Yian Jingxuan, S. 1113
4. Cheng Shao’en: Neike Zhengzhi Xinfa, S. 250

Literaturverzeichnis
Cheng Shao’en (Hrsg.): Neike Zhengzhi Xinfa (Gründliche Musterdifferenzierung und Behandlung von Erkrankungen der Inneren Medizin), Beijing Science & Technology Press, Beijing, 2005 Wang Xinhua (Hrsg.): Zhongyi Lidai Yian Jingxuan (Ausgewählte Fallstudien der TCM von der Vergangenheit bis heute), Jiangsu Science & Technology Press, 1998

Über den Autor
Andreas Kalg, Heilpraktiker seit 1993. Diplom der Akupunkturakademie Berlin als Akupunkteur, Diplom der AGTCM für Chinesische Arzneimitteltherapie. Von 1999 bis 2002 Studium der Sinologie an der Universität Heidelberg und an der National Taiwan Normal University in Taipei, Taiwan. Seit 2002: Tätigkeit als freier Übersetzer und Fachbuchautor mit der Spezialisierung auf Fachliteratur der Chinesischen Medizin. Seit September 2005: Studium der Inneren Chinesischen Medizin am Zhejiang College of Chinese Medicine in Hangzhou, VR China. Seit 2005: Lehrtätigkeit am Berliner Pharmakologie-Ausbildungsinstitut der AGTCM für Chinesische Arzneimitteltherapie.

 

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