Dao Di ist neben vielen andern Begriffen aus der TCM nun auch seit einiger Zeit schon im Westen angekommen und verlangt nach einer Erklärung. Oft wird der Begriff auch umgedreht verwendet: Di Dao (echt, unverfälscht, rein).
Gemeinhin wissen schon viele, dass es sich dabei um ein Qualitätsmerkmal für chinesische Kräuter handelt, das den Herkunftsort derselben bezeichnet und zwar nicht irgendeinen Herkunftsort, sondern denjenigen, der als von alters her als bester verbrieft gilt. Dao Di ist das Originalherkunftsgebiet, aus dem seit langer, langer Zeit immer schon ein Kraut herkam und selbstverständlich soll damit auch gesagt werden, dass von da immer schon die beste Qualität eines Arzneimittels stammte.
 
Das ist ähnlich wie beim Wein aus Frankreich, wo man den Begriff AOC (Appellation d’origine contrôlée, kontrollierte Herkunftsbezeichnung) kennt.
 
daodi11Historisch geht die Definition in die Tang-Dynastie (618-907) zurück, während der China in 15 Regionen eingeteilt wurde. Diese nannte man Dao was in etwa dem Begriff Provinz entspricht.

Im Jahre 659 entstand ein bedeutendes Werk der TCM-Literatur von Su Jing et al., nämlich eine Materia medica, die Xin Xiu Ben Cao (Neue überarbeitete Materia medica) oder Tang Ben Cao (Tang Materia medica) hiess und 850 Drogenbeschreibungen (Monografien) umfasste. Sie entstand auf Geheiss der Regierung, welche verlangte, dass die lokalen Behörden, also diejenigen der Dao (Provinzen) die beste Qualität ihrer autochthonen Kräuter der Zentrale meldeten.

Kräuter aus Dao Di-Gebieten tragen seither oft die Bezeichnung des Herkunftsortes in ihrem Namen:

  • Bo Shao = Bai Shao Yao aus der Gegend von Bozhou, Wirkort des berühmten TCM-Arztes Hwato, grösster Kräutermarkt Chinas (Provinz Anhui)
  • Huai Di Huang = Di Huang aus dem antiken Huaiqing (Provinz Henan)
  • Chuan Bei = Chuan Bei Mu aus der Provinz SiCHUAN
  • Zhe Bei = Zhe Bei Mu aus der Provinz ZHEjiang
  • Ningxia Gou Qi = Gou Qi Zi von Ningxia (autonomes Gebiet Ningxia)

Spricht man also von Dao Di-Kräutern, meint man beste Qualität, jedoch garantiert diese die Klassifizierung nach dem Anbaugebiet noch nicht. Schauen wir nochmals nach Frankreich: Nach der Definition des Anbaugebietes (Burgund oder Bordeaux) folgt dort die nächstfeinere Differenzierung im Burgund mittels der Begriffe Grand Cru (beste Lage) und Premier Cru (zweitbeste Lage), wobei die beiden Lagen innerhalb einer einzigen Gemeinde bereits voneinander unterschieden wurden.
Das gilt auch analog beim chinesischen Dao Di-Begriff:
Auch in China werden diese Faktoren berücksichtigt und es handelt sich bisweilen um nur kleine Anbauflächen, die den Begriff Dao Di für eine bestimmte Pflanze tragen dürfen, hingegen gibt es Abstufungen für die weiteren Qualitäten, indem eine etwas schlechtere Lage in der Nähe des Dao Di Gebietes den zweiten Qualitätsgrad erhält und weitere Abstufungen diesem Schema folgen. Da die Anbauflächen der heutigen Nachfrage oft nicht mehr genügen, ging man dann dazu über, Gebiete in China zu suchen, die ähnliche geografische, klimatische und geologische Bedingungen wie das Dao Di-Gebiet erfüllten und daher gute Voraussetzungen für das Erreichen einer guten Qualität boten.

Doch auch damit endet die Geschichte noch nicht. Nehmen wir wiederum Frankreich und den Wein als Beispiel: Ein guter Boden und eine gute (Hang-)lage sind zwar wichtige Voraussetzungen für die Qualität eines Produktes, doch spielen weitere Faktoren eine ebenso wichtige Rolle, nämlich die Wahl der Rebsorte, die Anzahl Rebstöcke pro Quadratmeter und die Art, wie diese gezogen werden (senkrecht stehend oder pergolaartig…), der Zuckergehalt, der durch die Ausdünnung lang vor der Reifung, den Erntezeitpunkt und das Wetter im Erntejahr bestimmt wird und dann die ganze Verarbeitung, die nach der Ernte folgt, die Kelterung und die Lagerung in geeigneten Fässern etc. Die Tradition der Verarbeitung wurde denn auch immer schon auf gewissen Gutshöfen und Schlössern gepflegt.

Die französischen Weinproduzenten liessen sich schon vor langer Zeit ihre Qualitätsbezeichnungen gerichtlich schützen. Dadurch erhielten sie eine privilegierte Stellung, wurden dadurch reich und oft faul und man verschlief die weitere Entwicklung bis vor einigen Jahrzehnten an vielen Orten auf der Welt andere Produzenten auch guten Wein zu produzieren lernten. Erst dann besann man sich in Frankreich und kombiniert jetzt Tradition mit modernen Entwicklungen zur Steigerung der Qualität.

In China ist diese Entwicklung erst ansatzweise zu erkennen. China scheint im Moment bei dieser ganzen Dao Di-Geschichte das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen: Man sieht Bestrebungen, die Tradition der Dao Di-Gebiete wieder vermehrt aufleben zu lassen und die entsprechenden Gebiete abzustecken. Dies mutet allerdings manchmal reichlich protektionistisch an. Aufgeschreckt wurden die Behörden Chinas wohl durch die Meldung, dass ausserhalb Chinas Leute chinesische Kräuter mit beachtlichem Erfolg anzubauen begannen. Dabei zogen ausländische Produzenten moderne Qualitätsnachweismethoden heran und zeigten, dass ihre Kräuter vielleicht punkto Aussehen nicht immer dem traditionellen chinesischen Empfinden entsprachen, aber dass sie genauso reich an Inhaltsstoffen waren oder die chinesischen Produkte sogar in dieser Hinsicht übertrafen. Besondere Aufmerksamkeit schenkten ausländische Produzenten der sorgfältigen Verarbeitung der Kräuter (schonende Trocknung etc.). Ich denke dabei an die Kräuterproduktion in Bayern unter der jahrelangen Begleitung durch die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft unter der Mitwirkung der Firma Phytax.

Die Nachfrage nach Dao Di-Kräutern hat in China zu reichlich seltsamen Auswüchsen geführt: Da das Angebot mit dieser oft nicht Schritt halten konnte, wurde versucht, der Sache nachzuhelfen, indem beispielsweise zu viel Dünger und vielen Pestiziden gegriffen wurde. Man kann sich natürlich vorstellen, dass Böden, auf denen immer wieder die gleichen Kräuter angebaut werden, einerseits ausgelaugt und anderseits mit Pestiziden angereichert werden und das dann sogar dazu führt, dass Dao Di einen üblen Beigeschmack erhält. Auch kann es vorkommen, dass eine Dao Di-Gegend heute in einem durch die boomende Industrie verseuchten Gebiet liegt. Auch schon hat man festgestellt, dass Kräuter, die weit entfernt von Dao Di-Gebieten angepflanzt wurden, in letztere transportiert und dann dort als Dao Di-Produkte verkauft werden. In einem Staat, in dem Korruption leider noch gang und gäbe ist, sind solche Praktiken nur allzu leicht möglich. Überdies illustrieren die Komplexizität dieses Punktes beeei uns die Diskussionen um das Cassis de Dijon-Prinzip.

Es ist zu hoffen, dass man in China erkennt, dass der Kräuteranbau ein Wirtschaftszweig mit hohem Wachstumspotenzial und TCM ohnehin ein unermesslich wertvoller Schatz für ein gutes und günstiges Gesundheitssystem ist und die alten Traditionen nicht nur in ihrer eher negativen Form bei der Verteidigung national konservativer Werte im politischen Bereich eine grosse Rolle spielen, sondern da gelebt werden, wo es tatsächlich Sinn macht. Man wäre bei uns im Westen durchaus bereit, den Preis dafür zu bezahlen, denn die Analytik (Identitäts-, Inhaltsstoff- und Fremdstoffprüfung (Pestizide, Schwermetalle…)) hier bei uns frisst enorme Beträge weg und sie wird immer zwingender, denn Kräuter der TCM werden in zunehmender Zahl in die Europäische Pharmakopöe aufgenommen und müssen nach deren strengen Vorgaben geprüft werden.
Wäre der Dao Di-Begriff ein anerkanntes Qualitätslabel, könnte man sich auf Stichproben beschränken. Heute ist er leider nur ein Marketinginstrument, das auch ganz gerne von westlichen Kräuterpredigern breitgeschlagen wird.

An den Begriff Dao Di würde man aber bei uns gerne geknüpft wissen:

  • Anpflanzung in geeigneten Gebieten unter ökologisch vertretbaren Kautelen
  • Verwendung von geeigneten Sorten und Erhaltung der Vielfalt derselben
  • Im Fall von Wildsammlung: nachhaltige Sammlung der richtigen Kräuter
  • Verarbeitung in traditioneller oder dieser gleichwertigen Art
  • Anhaltend gleiche und nachgewiesene qualitative Eigenschaften der Erzeugnisse
  • Regulierung und Überwachung durch neutrale Kontrollstellen


Severin Bühlmann, Arzt, Aarau