Sind chinesische Kräuter wirksamer als unsere einheimischen?

KräuterAuf der ganzen Welt gibt es sehr gut wirksame Mittel, die in der Natur gefunden werden. Auch wir in Europa verfügen über eine lange Tradition und Wissen über Heilkräuter. Wir hatten aber das Problem, dass im Mittelalter während einiger Jahrhunderte systematisch solches Wissen unterbunden wurde. Das hatte politische Gründe. In jener Zeit existierten Leute, die von gewissen Kreisen als Hexen und Zauberer verschrien wurden und samt ihren Büchern auf dem Scheiterhaufen landeten. Systematisch wurde dieses Wissen unterdrückt und vernichtet. Bruchstückhaft haben wir noch ein bisschen von damals in die heutige Zeit gerettet. Uns sind aber die Zusammenhänge, die all dieses Wissen miteinander verknüpfen, verloren gegangen. Der Hintergrund, auf dem das Wissen aufbaute, ist verloren. So wurde dem westlichen Wissen über die Kräuter der Boden entzogen. Heute geben wir nur noch bruchstückhaft anekdotische Ratschläge. Dieser Tee ist für dies gut und jener für oder gegen was anderes. Dieses Kraut für diese Krankheit, jenes für eine andere. Warum das so ist, wissen wir nicht. Unsere Mutter hat das gesagt und die Grossmutter auch schon. Solche Erklärungen sind natürlich dürftig. Auch die moderne Wissenschaft bringt keine plausibleren Erklärungen. Weil es diesen oder jenen chemischen Stoff in einer Pflanze hat, ist sie gut für dies oder das. Das sind natürlich völlig bruchstückhafte, lächerliche therapeutische Ansätze, die der Natur nie genügen können. Schliesslich enthält eine Pflanze nicht nur einen einzigen chemischen Stoff, sondern Zehntausende.

Ganz anders bei den Chinesen. Zuerst war hier die genaue Beobachtung der Natur, dann der erkenntnistheoretische Hintergrund mit dem Prinzip von Yin und Yang und der Fünf-Elemente-Lehre. In dieses System wurde jede Pflanze eingebettet und man hat eine absolut hieb- und stichfeste Argumentation, warum das eine Kraut für dies und das andere für das gut ist und auch warum es bei der einen Person wirkt und bei der andern nicht zu empfehlen ist, obwohl auf den ersten Blick beide die gleichen Symptome zu haben scheinen. Chinesische Medizin ist immer eine Medizin, die sich am Individuum orientiert und nicht am Kollektiv.

Wenn unsere Kräuter im Westen so individuell und gezielt eingesetzt würden, so wäre an und für sich zu erwarten, dass auch viel bessere Erfolge erzielt werden könnten als mit unserem rudimentären Wissen. Tatsächlich haben das einige Leute eingesehen und sie haben sich bereits daran gemacht, die westlichen Kräuter im chinesischen Sinn zu brauchen. Sie probieren also nun alle unsere hiesigen Kräuter in das chinesische Denkmodell einzubetten. Das kann natürlich nicht vom ersten Tag an funktionieren. Die Chinesen haben dazu auch Jahrhunderte gebraucht. Es ist aber zu erwarten, dass auf diesem Gebiete innerhalb der nächsten Jahre Fortschritte erzielt werden und wir dürfen gespannt sein, was da alles herauskommt. Bereits liegen einige Bücher zu diesem Thema vor und werden mehrere hundert westliche Kräuter in Kompendien von vielen hundert Seiten präsentiert. Einige Therapeuten benutzen denn auch diese neuen Erkenntnisse schon fleissig und mit gutem Erfolg verschreiben sie Rezepturen, die nur westliche Kräuter oder westliche und chinesische gemischt enthalten. Es war übrigens bei den Chinesen auch schon immer so, dass sie nicht nur ihre einheimischen Pflanzen brauchten, sondern auch wirksame aus andern Ländern importierten. Zudem pflegt jede Gegend in China ihre eigenen, lokalen Kräuter und diese sind im Süden sehr verschieden von denen im Norden, denn in China gibt es jedes Klima, tropisches wie auch hochgebirgisches.

Zusammenfassend darf nochmals gesagt werden, dass es bei uns nicht an gut wirksamen Kräutern mangelt, sondern am ganzheitlichen System, das deren Wirkung erklärt. Uns wurden diese einstmals vorhandenen Erklärungsmodelle leider weitgehend zerstört und was blieb, ist eine anekdotische Medizin, bar jeder wissenschaftlichen Erkenntnistheorie.