Die Anzahl besprochener Kräuter im Shen Nong Ben Cao Jing1 beträgt 365, also genau gleich viel wie Akupunkturpunkte im Nei Jing. Darunter befinden sich insgesamt 252 pflanzliche, 46 mineralische und 67 tierische Produkte.

Unter diesen werden fünf als 'Shen' bezeichnet, sie werden mit dieser Bezeichnung auf die Ebene von Ginseng, dem herausragenden Mittel gesetzt. Sie werden die fünf ancestralen Heilmittel genannt.

Zusammensetzung Artikel Nr. 22169
Wirkstoffe (500mg pro Tablette)
Dosierung 3 x 4-6 Tabletten à 500 mg = 3 x 3 g täglich
Ren Shen Ginseng, Radix 10
Dan Shen Salviae miltiorrhizae, Radix 10
Nan Sha Shen Adenophorae tetraphyllae, Radix 10
Xuan Shen Scrophulariae, Radix 10
Ku Shen Sophorae flavescentis, Radix 5
Dang Shen Codonopsitis, Radix 10
He Shou Wu Polygoni multiflori, Radix et al. 5
Bei Sha Shen Glehniae, Radix 10
Xuan Fu Hua Inulae, Flos 5
Zao Xiu Paridis, Rhizoma 5
Wu Wei Zi Schizandrae, Fructus 7.5
Shan Dou Gen Sophorae subprostrata, Radix 5
He Zi Terminaliae, Fructus 7.5

Das erste Mittel ist Ginseng (Ren Shen) selbst, die kaiserliche Substanz schlechthin. Auch sein westlicher Name wiederspiegelt seine absolute Vorrangstellung: Panax (panaceus), die Wurzel gegen alle Qualen. Die Ginsengwurzel ist gelb, hat also die Farbe der Mitte und darum einen Milz-Tropismus. Ginseng ist das Shen des Erdelements, ist warm, ein Qi-Tonikum und von süssem Geschmack.

Das zweite Shen-Mittel ist Salvia miltiorrhiza (Dan Shen), eine ziegelrote Wurzel mit Herz-Tropismus. Dan Shen trägt eine zweifache Ehrung im Namen. Dan bezeichnet urspünglich Zinnober, das rote Quecksilbererz, das die Alchemisten in Ost und West als Lebenselixier oder Stein der Weisen erachteten. Zinnober wurde in Verbindung gebracht mit Unsterblichkeitspillen und der Name Dan steht für Langlebigkeit und Kostbarkeit (auch wenn es das Leben von vielen drastisch verkürzte). Salvia ist von kühler Natur, Antidot von zu starkem Feuer, mit bitterem Geschmack, das zudem das Xue bewegt und so das Herz in der Funktion des Kontrollierens der Blutgefässe unterstützt.

Das dritte Shen ist Adenophora, ursprünglich Sha Shen, das Shen, das im Sand gedeiht. Es ist weiss, also von der Farbe des Metallelementes. Es wird vom Erdelement genährt (Sheng-Zyklus) und durch das Feuerelement (Ke-Zyklus) kontrolliert. Energetisch besetzt es eine Mittelposition zwischen Ginseng und Salvia. Mit Salvia teilt es den bitteren Geschmack und die kühle Natur, mit Ginseng die Süsse. Es ist ein Lungentonikum, tonifiziert Yin, löst Schleim auf und wirkt hustenstillend.

Das vierte Shen ist Scrophularia, Xuan Shen, eine schwarze Wurzel, somit dem Wasserelement zuzuordnen. Es ist eine bitter-kalte Substanz, die wegen seiner kühlenden und detoxifizierenden Wirkung bekannt ist und eine sekundäre Yin Qualität hat. Sein salziger Geschmack erklärt auch den Nieren-Tropismus. Scrophularia hat seinen westlichen Namen von der Behandlung von Scrophula, Drüsenschwellungen im Halsbereich.

Das fünfte Shen ist Ku Shen, Radix Sophorae. Es ist ein extrem bitteres Mittel, das Wind-Feuchte-Hitze vertreibt. Früher wurde es als adstringierendes Tonikum und Stomachicum bei Fieber, Gelbsucht und Dysenterie gebraucht, heute ist es ein wichtiges Mittel in der Dermatologie zur Behandlung von Ekzemen. Auch in der Gynäkologie hat es einen Einsatzbereich. Es wurde im Altertum als lebertropisch bezeichnet, wegen seiner gelben Farbe aber später auch Magen und Milz zugeordnet.

Andere Shen:

Ku Shen stellt in der Bewegung der fünf Wandlungsphasen einen deutlichen Schönheitsfehler dar. Im revidierten Shen Nong Ben Cao von Tao Hong Jing (Ben Cao Jing Ji Zhu) wird es konsequent durch Polygonum bistorta (Quan Shen, auch Zu Shen genannt) ersetzt. Es ist ein bitteres und kaltes Mittel, das in der modernen Forschung ein Revival wegen seiner antiviralen Eigenschaften in Kombination mit Isatis erlebt.

Neben Adenophora Nan Sha Shen (das südliche Sha Shen) brauchen wir auch Bei Sha Shen, das nördliche Sha Shen bzw. Glehnia. In Japan wird es statt Saposhnikovia = Ledebouriella in der Formel Jade Screen Powder eingesetzt. Es ist ein mässig kaltes Mittel mit bitterem und süssem Geschmack und hat einen Lungen- und Nieren-Tropismus. Adenophora gehört zur Familie der Campanulaceae (Glockenblumen). Zu dieser gehört auch Dang Shen, Codonopsis, ein vielgebrauchtes Substitut für Ginseng. Gemäss der klassischen Lehre wirkt diese leicht warme und süsse Wurzel als Lungen- und Milz-Qi-Tonikum, das auch die Achse Magen-Milz stärkt und die Körpersäfte anregt. Seine immunstärkende Wirkung ist der gestärkten Hämatopoese zuzuordnen, gemäss TCM einer Funktion der Milz.

Evaluation der fünf Shen:

  • ein Mittel mit süssem Geschmack und warmer Wirkung (Ginseng)
  • vier Ingredienzien von kalter Natur und bitterem Geschmack (Adenophora, Salvia, Scrophularia, Sophora)
  • ein salziges Mittel (Scrophularia) 

sowie zusätzliche Shen-Mittel:

  • ein Mittel von leicht warmer Qualität (Codonopsis)
  • zwei Mittel von süssem Geschmack (Codonopsis, Glehnia)
  • zwei Ingredienzien von leicht kalter Natur (Polygonum bistorta und Glehnia)

Beide Gruppen bestehen aus Tonika, die aber nicht wie üblich von warmer, sondern vielmehr von kalter Natur sind. Zudem enthalten beide Gruppen bittere Kräuter mit detoxifizierender und dispersierender Wirkung.

Es stellt sich also nun die Frage welches Krankheitsbild in dieses Szenario passt... und siehe da, es taucht das Bild des postviralen Syndroms auf, das Bild des Chronic Fatigue Syndroms (CFS), das sich durch ein komplexes Bild von einem Mangel an Qi und Yin mit latenter (meist toxischer) Hitze auszeichnet.

Im Gefolge von Shen Nong brauchen wir also die ältesten Kräuter für die modernsten Krankheiten, Kräuter, die auch gemäss westlichen Erkenntnissen immunstärkende und antivirale Eigenschaften haben.

Die Formel besteht aus den ursprünglichen fünf Shen-Mitteln und ihren traditionellen Substituenten. Sophora hat antitoxische und analgetische Eigenschaften. Bei Polygonum brauchen cuspidatum (Hu Zhang), sowie P.multiflorum. Schizandra fördert die Verdauung, beruhigt das Shen und stärkt das Qi. Moderne Untersuchungen haben gezeigt, dass Schizandra eine immunstärkende Qualität im allgemeinen und eine spezifische entgiftende auf die Leber haben, letzteres vor allem mit Salvia. Die Wirkung von Schizandra wird von Terminalia unterstützt. Sie ist von neutraler Natur, mit einem bitteren und saurem Geschmack. Es ist ein wichtiger Bestandteil der Ayurvedischen Formel Triphala und wird bei gastrointestinalen Störungen und chronischer Müdigkeit gebraucht. Die moderne Wissenschaft findet darin antivirale Eigenschaften. Traditionell werden den tonisierenden Mitteln bei grossen Schwächezuständen adstringierende zugefügt. Schizandra und Terminalia sind deshalb hier sehr geeignet. Zudem wirken beide einem allzu lockeren Stuhlgang entgegen, wie er beim Gebrauch von Polygonum-Arten möglich ist.


Das Shen Nong Ben Cao Jing ist das älteste Kräuterbuch der chinesischen Medizin. Es wird Shen Nong zugeschrieben (the Divine Husbandsman), dem Entdecker des Landbaus, der täglich einhundert Kräuter prüfte. Shen Nong und sein Ben Cao Jing sind für die Kräuterärzte das gleiche wie der legendäre Gelbe Kaiser und sein Nei Jing für die Akupunkteure.