Galla chinensis

Galläpfel
Galläpfel

Galla chinensis ist nicht etwa Galle eines Tieres und Galläpfel haben nichts mit Äpfeln zu tun, sondern folgender Sachverhalt liegt vor:

Mit Galla chinensis werden Wucherungen an Pflanzenblättern oder –stielen bezeichnet, welche eine rundliche Form haben. Bei uns bezeichnet man solche Wucherungen an Eichenblättern als Galläpfel. Eichengallwespen legen ihre befruchteten Eier in die Blattader an der Unterseite von Eichenblättern. Die Bildung von Galläpfeln kommt durch eine krankhafte Reaktion der Wirtspflanze auf diese Eier vor, aus denen eine Larve schlüpft. Galläpfel sind reich an gerbstoffhaltigen Stoffen wie Tannine. Bis 65% eines Gallapfels besteht aus Tannin.

Die TCM kennt auch solche Galläpfel, aber beim Wirt handelt es sich dabei nicht um die Eiche, sondern gemäss der Chinesischen Pharmakopöe um Rhus chinensis = Rhus semialata, Rhus potaninii oder Rhus punjabensis var. sinica.

Die Flora Helvetica listet nur zwei Rhus-Arten auf, nämlich der seltene Rhus cotinus = Cotinus coggygria (Perückenstrauch) und den häufig in Gärten vorkommenden Rhus typhina, den aus Nordamerika stammenden Essigbaum. Den Perückenstrauch, der keine Rhus-Art im engeren moderneren Sinn ist, können Sie wild im Wallis am trockenen Südhang ob Leuk antreffen, wo er sich im Herbst prächtig rot verfärbt. Die Ansiedlung dieses Strauches in der Schweiz geht auf eine Wetterlage zurück, bei der Saharastaub in die Schweiz geweht wurde. Mit den südlichen Winden sollen auch die Flugfruchtstände von Cotinus coggyria in unsere Gefilde gekommen sein.

Rhus-Arten gehören zur Familie der Anacardiaceae = Sumachgewächse, zu der auch der Gewürzsumach gehört, dessen gemahlene Steinfrüchte ein säuerliches Gewürz liefern, das im vorderen Orient sehr beliebt ist. Sumach färbt dunkelrot und daher wird er nicht nur als Gewürz, sondern auch als Wollfärbemittel verwendet und weil er zudem reich an Gerbstoffen ist, auch als Ledergerbemittel. Andere Sumachgewächse sind die Mango, die Pistazie und die Cashewnuss.

 Die Insekten, die die in der TCM verwendeten Pflanzen befallen, heissen Melaphis chinensis (auf Rhus chinensis = Rhus semialata) und Melaphis peitan (auf Rhus pontaninii und auf Rhus punjabensis). 

Tannine gehören zu den pflanzlichen Gerbstoffen. Diese sind wasserlösliche, schwach sauer reagierende, phenolische Verbindungen mit in der Regel einem Molekulargewicht zwichen 500 und 3000 Dalton. Man unterscheidet zwischen den Catechingerbstoffen oder kondensierten (unhydrolysierbaren) Gerbstoffen, die auch kondensierte Proanthocyanidine genannt werden und den hydrolisierbaren Gerbstoffen oder Gallo- und Ellagitanninen. Heute sind bereits 1000 verschiedene Gerbstoffe aus Pflanzen bekannt.

Galläpfel
Galläpfel

Der Bedarf an Tanninen ist besonders in der Industrie sehr gross. Das führte dazu, dass die Bestände, die Galla chinensis lieferten, stark dezimiert wurden. Sie erholten sich erst wieder, als man Caesalpina spinosa aus Peru zu importieren begann und diese zur Produktion der Tannine verwendete. C.spinosa wird jetzt also auch in China kultiviert. Auch die Infektion von Rhus durch Melaphis wird nicht allein der Natur überlassen. Chinesen haben Methoden entwickelt, die Insekten gezielt zu züchten und zu pflegen, um sie dann zur geeigneten Zeit auf die Rhus ssp. anzusetzen.

Gerbende Stoffe wie Tannine wirken adstringierend und die Mittel, die solche enthalten, sind deshalb hauptsächlich im entsprechenden Kapitel der Materia medica zu finden. Bensky’s Kapitel 13 (Herbst hat Stabilize and Bind) nennt 22 Mittel. Davon enthalten zumindest 6 beträchtliche bis grosse Mengen an Tanninen, nämlich:

  • Ailanthi, Cortex (Chun Pi)
  • Chebulae, Fructus (He Zi) = Terminaliae chebulae, Fructus
  • Granati, Pericarpium (Shi Liu Pi)
  • Rosae laevigatae, Fructus (Jin Ying Zi)
  • Galla chinensis (Wu Bei Zi)
  • Corni, Fructus (Shan Zhu Yu)

Ein weiteres, stark tanninhaltiges Mittel ist Acacia catechu (Er Cha), das unter den topisch anwendbaren Mitteln fungiert. 

Tannine finden sich aber noch in weiteren Mitteln der TCM, aber meist in geringeren Mengen. Bei diesen Mitteln sind andere Inhaltsstoffe für den Hauptteil ihrer Wirkung von Bedeutung:

  • Rhei, Radix et Rhizoma (Da Huang) (Purgativum)
  • Sanguisorbae, Radix (Di Yu) (Hämostase)
  • Polygoni bistortae, Rhizoma (Quan Shen) (Hitze klärend) 
  • Polygoni multiflori, Rhizoma (He Shou Wu) (Tonisierend)

Nicht zu vergessen ist auch der Teestrauch Camellia sinensis, der eine Vielzahl von Produkten (Weisser Tee, Grüntee, Oolongtee, Schwarztee…) liefert. Auch er enthält beträchtliche Mengen an Tanninen.

Seinerzeit lehrte man mich in der Dermatologie, dass Leuten mit einer perianalen Dermatitis mit Eichenrinden-Sitzbädern geholfen werden könne. Dabei geht es darum, dass die Gerbstoffe der Eichenrinde die perianale Region richtiggehend gerben und die so lederähnlich veränderte Haut um den Anus widerstandsfähiger machen. Nebst Eichenrindenbädern wurden auch andere adstringierende, desinfizierende und austrocknende Mittel wie Zinkpasten empfohlen. Schliesslich gibt es auch noch synthetisch hergestellte Gerbstoffe auf dem Schweizer Medikamentenmarkt.

Tannine enthaltende Mittel der TCM werden zu folgenden Zwecken eingesetzt:

  • Harninkontinenz
  • Schweissausbrüche
  • Ejaculatio praecox
  • Spermatorrhoe
  • Lumbago
  • Kurzatmigkeit und Husten
  • Mensstörungen mit verstärkter u/od verlängerter Blutung
  • Husten
  • Diarrhoe (auch blutige/dysenterische)
  • Rectalprolaps
  • Wurmerkrankungen
  • Äusserlich bei Mykosen und nässenden Ausschlägen
  • Vaginale Ausflüsse

Diese Indikationen ergeben sich aus der Syndromdifferenzierung gemäss den Regeln der TCM.

Auch in der internationalen biochemischen Forschung werden die Gerbstoffe immer besser erforscht. Folgende Wirkungen haben sich herauskristallisiert:

  • antisekretorische und peristaltikhemmende Wirkung
  • antimikrobielle Wirkung
  • entzündungshemmende Wirkung
  • Antiumorwirkung
  • antivirale Wirkung
  • Zahnbelaghemmung
  • antihypertensive Wirkung
  • antioxidative Wirkung, Radikalfängereigenschaften
Galläpfel
Galläpfel

Gerbstoffe wie Tellimagrandin I und II, das bei Steinbrech- und Rosenverwandten vorkommt, Agrimoniin oder auch Epigallocatechingallate zeigen Antitumoreigenschaften. Diese werden gemäss den noch in den Kinderschuhen steckenden Forschungen auf die mit einem Einfluss auf die Interleukin-1-Produktion bzw. der selektiven In-vitro-Hemmung der Proteinkinase C im Zusammenhang gebracht. Andere, insbesondere hydrolisierbare Gerbstoffe und galloylierte Procyanidine hemmen das Wachstum von Herpes-simplex-Viren.

Man weiss heute, dass viele Autoimmunerkrankungen, wie rheumatoide Arthritis, Morbus Crohn, Chronic fatigue Syndrome und zahreiche andere, sowie auch ein signifikanter Teil von Krebsarten durch eine unkontrollierte Vermehrung von Herpesviren und ihren Verwandten zustande kommen oder mitbedingt werden. Solche Krankheiten könnten also durch anti-Herpes-Drogen, wie etwa tanninhaltige Drogen gemildert werden.

Trotzdem ist darauf hinzuweisen, dass man tanninhaltige Drogen auch nicht überdosieren sollte, da sonst die Wirkungen verloren gehen oder sogar Nebenwirkungen auftreten. Man sollte sich also an die in der einschlägigen Literatur vorgeschlagenen Dosierungsvorschriften halten (für die TCM etwa die Pharmakopoeia und Bensky et al., 2004). Nur erfahrene Aerzte und Therapeuten sollten in begründeten Fällen diese Dosierungen gegebenenfalls erhöhen. Dabei sollte auch ein gutes Wissen über das pharmakologische und toxikologische Nebenwirkungspotential von pflanzlichen Produkten erarbeitet werden.

Die antihypertensive Wirkung von Proanthocynidinen und Ellagitanninen wird mit einer Hemmung des Angiotensinkonversionsenzymes (ACE) begründet (Hänsel Sticher, 2007, 8. ed.).

Zahlreiche Gerbstoffe wirken als Radikalfänger, indem sie reaktiven Sauerstoff (z.B. Superoxidradikalanionen, Hydroxylradikale, Peroxide) unter Bildung stablier Radikale abfangen. Beispiele dafür sind ie Hemmung der Lipidperoxidation, der Lipoxygenase und der Xanthinoxidase. Die grösste Wirksamkeit zeigen Ellagitannine, was auf deren Hexahydroxydiphensärereste zurückgeführt wird.

Gerbstoffdrogen in der Westlichen Medizin:

  • Hamamelisblätter und –rinde
  • Ratanhiawurzel
  • Tormentillwurzelstock
  • Eichenrinde
  • Heidelbeeren
  • Teeblätter
  • Frauenmanteltee

Owi Nandi, Severin Bühlmann